Pressestimmen

Neues Deutschland, 16. Dezember 2002

Mehr als eine Ware

Grenzenlose Kultur - Chancen und Gefahren der Globalisierung

von Martin Hatzius

Kultur gibt es, seit es Menschen gibt. Sie ist essenzielles Wesensmerkmal unserer Gattung. Die Kultivierung des Bodens und die Gestaltung von Räumen, die Pflege des Körpers und die Nutzung des in Sprache manifestierten Geistes, die kultische Verehrung von Gottheiten, in der die Entwicklung des Tanzes und der Musik verwurzelt ist – zweifelsfrei entscheidende Schritte auf dem Weg vom Tier zum Menschen. Je weiter sich die Menschen auf der Erde verbreiteten, je komplexer ihre Beziehungen untereinander und zu ihrer Umwelt sich gestalteten, desto mehr wurden spezifische Kulturen zu Merkmalen der Unterscheidung und der Versicherung von Identität. Es entwickelten sich in der Zivilisationsgeschichte »Hochkulturen«, die sich über die Abgrenzung von primitiven »Barbaren« definierten, es gab friedlich nebeneinander existierende und sich erbittert bekämpfende Kulturen, multikulturelle Gesellschaften und Verschmelzungen verschiedener Traditionen. Und heute?
Nie war die Vielfalt der Kulturen größer als in unserer höchst komplexen Welt. Und nie war sie gefährdeter als in der Gegenwart. Unter dem Motto »Grenzenlos Kultur« fand am Wochenende in Berlin ein Kongress statt, der sich kulturpolitischen Fragen in der Zeit der Globalisierung stellte. Auf der vom Deutschen Kulturrat und der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalteten Tagung trafen Kulturschaffende und Kulturvermittler aus aller Welt zusammen, um über pragmatische und inhaltliche Folgen der Öffnung von Grenzen und Märkten zu diskutieren, Chancen und Gefahren auszuloten.
Schon in den Begrüßungsansprachen des Kulturratsvorsitzenden Max Fuchs und des Präsidenten der Bundeszentrale, Thomas Krüger, zeichnete sich der Schwerpunkt der anschließenden Podiumsdiskussionen und Foren ab: die akute Bedrohung der Vielfalt von Kultur durch ihre weltweite Kommerzialisierung. Wenn im künftigen Welthandelsabkommen (GATS) Kultur und Bildung als reine Dienstleistungen angesehen und staatliche Mittel der Kulturförderung als »marktverfälschend« verboten würden, so Fuchs, stehe der Niedergang nationaler Kulturszenen bevor.
Wie Fuchs warnte auch Krüger vor der »Dominanz einer globalen Kultur mit Hegemonieanspruch« und betonte, dass die Idealisierung kultureller Gemeinsamkeiten vor dem Hintergrund der Globalisierung in die Irre laufe. Vielmehr komme es gerade jetzt darauf an, kulturelle Differenzen zu begreifen und zu akzeptieren, um sozialen und politischen Konflikten vorzubeugen.
Dass eine globale Kulturindustrie längst schon den internationalen Markt dominiert, ist ein offenes Geheimnis. In allen Teilen der Welt verdrängen die gleichen Film-, Musik- und Buchprodukte großer Konzerne zunehmend die schwächere »Konkurrenz«. Gerade in städtischen Regionen dürfte sich das »Kundenverhalten« beim »Konsum« von »Kulturgütern« weltweit kaum mehr gravierend unterscheiden. Doch vor den Terroranschlägen am 11. September 2001 erkannten nur wenige das gewaltige Konfliktpotenzial, das auch in diesem Aspekt der Globalisierung liegt. Die internationale Vormachtstellung einer durch und durch vom Profitstreben geleiteten Kulturindustrie kann nicht nur zum Verlust kultureller Identitäten, sondern auch zu offener Aggression führen. Um zu verstehen, dass sich auch hinter dem kulturlosesten Gewaltakt nicht etwa ein unmotivierter, »barbarischer« Vernichtungswille gegen die »zivilisierte« Welt verbirgt, sondern eine als zutiefst verletzend empfundene Entwurzelung aus Traditionen, ist das Wissen um fremde Kulturen heute wichtiger denn je. Es kann nicht genügen, dass nach dem 11. September ein kurz anhaltender Boom von Büchern über den Islam zu verzeichnen war, von denen viele allzu offensichtlich wieder nur auf das Erlangen schneller Profite ausgerichtet waren. Um nachhaltig konfliktlösende Wege zu beschreiten, ist das Eingreifen der Kultur- und Bildungspolitik – nationenübergreifend – unausweichlich.
In der politischen Realität aber wird die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur und Bildung nicht nur maßlos unterschätzt, sondern ihr zunehmender Verfall offenbar billigend in Kauf genommen. Der Abbau staatlicher Verantwortlichkeit für die Kultur und die Anwendung rein wirtschaftlicher Funktionsmechanismen auf kulturelle Prozesse kommt einem Verlust an Menschlichkeit gleich. Natürlich bilden Kultur und Wirtschaft heute eine Symbiose – in vielen Fällen eine gesunde und gut funktionierende. Ohne Spenden, Sponsoring und Mäzenatentum wären unzählige kulturelle Aktivitäten gar nicht mehr möglich. Wenn aber vergessen wird, dass Kultur mehr als eine Ware ist, ist ein Wesensmerkmal des Menschen bedroht. Auch wenn manche Diskussion auf dem Berliner Kongress allzu sehr ins Theoretische abschweifte und zuweilen die akademische Selbstverliebtheit wenig mit den tatsächlichen Problemen zu tun zu haben schien, ging von der Tagung doch ein wichtiges Signal aus: Kultur darf – weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene – gefräßigen Märkten und vermeintlichen Sparzwängen geopfert werden, sondern muss als Bestandteil auch wirtschafts- und sozialpolitischer Entwicklungen begriffen werden. Wie die Zukunft einer zusammenrückenden Welt aussieht, entscheidet nicht zuletzt die Haltung gegenüber ihren Kulturen.




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